Confirmation Bias

Der Motor unseres Hamsterrades

Von Tobias Huber, Senior Consultant /

Antikes Griechenland – Sokrates erzählt folgende Geschichte: „Mein Freund Chairephon hat die Kühnheit besessen, das Orakel von Delphi zu fragen, ob jemand weiser sei als ich. Und die Antwort von Pythia, der weissagenden Priesterin, war: Nein!“ Über diese Antwort war Sokrates derart erstaunt und verwirrt, dass er dessen Wahrheitsgehalt selbst überprüfen wollte. So habe er weise oder als kundig geltende Männer aufgesucht, um mit ihnen über Wissen und Weisheit zu sprechen. Beim Weggehen musste er sich eingestehen, dass das Orakel tatsächlich Recht hatte. „Verglichen mit diesen Menschen bin ich doch weiser. Wahrscheinlich weiß ja keiner von uns etwas Rechtes; aber dieser glaubt, etwas zu wissen, obwohl er es nicht weiß; ich dagegen weiß zwar auch nichts, glaube aber auch nicht, etwas zu wissen. Um diesen kleinen Unterschied bin ich also offenbar weiser, dass ich eben das, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.“

Seit Wikipedia und Google ist Wissen keine Macht mehr, es steht für praktisch jeden Menschen zur freien Verfügung. Wie steht es dabei um die Weisheit? Wie steht es um das Wissen, das uns Orientierung im Leben gibt? Wie steht es um die tiefe Einsicht in fundamentale Probleme und Herausforderungen des Lebens, die ich nicht auf Knopfdruck vom Netz herunterladen kann? Wie aber erlangen wir denn diese tiefere Version des Wissens? Prof. Dr. Ute Kunzmann von der Universität Leipzig sagt dazu: „Nur Bücher zu lesen reicht nicht, Weisheit ist immer erfahrungsbezogen. Gerade in Krisen haben wir die Chance, Wissen zu gewinnen.“ Weisheit durch Schmerz also?

Wie wir wahrscheinlich alle aus eigenen Erfahrungen berichten können, ist der Schmerz für einen Grossteil unserer persönlichen Entwicklung verantwortlich. Eine persönliche Krise bringt uns an einen Ort, an dem wir mit unseren bisherigen Handlungsstrategien nicht mehr ans Ziel kommen. Der verlorene Job, die abrupt beendete Beziehung, der plötzliche Tod eines nahen Angehörigen – all diese Dinge führen dazu, dass unser Leben danach nicht mehr das Gleiche ist, wie zuvor. Wir müssen lernen, mit weniger Geld auszukommen, sind am Sonntagabend plötzlich allein und müssen lernen, die Zeit mit uns selbst zu geniessen (oder überhaupt erst einmal auszuhalten), oder es wird uns plötzlich klar, dass das Leben und die Gesundheit alles andere als selbstverständlich sind. Das sind alles Dinge, die uns im Leben weiterbringen – Dinge, die uns ein kleines bisschen weiser machen. So erstaunt es auch nicht, dass viele Menschen im Nachhinein dankbar waren für ihre Krise, obwohl der Auslöser ein unglaublich starker emotionaler Schmerz war.

Aber gibt es keine Möglichkeit, weiser zu werden, ohne eine schmerzhafte Krise durchgelebt zu haben? Wie steht es um die Weisheit durch Erkenntnis? Warum ist es so schwierig, die eigenen Muster zu durchbrechen und Veränderung herbeizuführen, ohne dass ein starker Schmerz der Ausgangspunkt war? Eine mögliche Antwort auf die eben gestellten Fragen finden wir im sogenannten Confirmation Bias. Dieser Confirmation Bias lässt sich gemäss Peter Wason (1960, 1968) vorerst ziemlich einfach zusammenfassen: Jeder Mensch neigt dazu, seine eigenen Annahmen, Überzeugungen und Erwartungen bestätigen zu wollen. Um das tun zu können, müssen wir Informationen so auswählen, deuten und gewichten, dass sie in unser eigenes Weltbild passen. Dies führt zur Überzeugung, dass wir ständig im Recht sind, weil unsere Wahrnehmung die dazu passenden Argumente findet. Unsere Wahrnehmung wird dadurch immer stärker und tiefer verzerrt, sodass vorgefertigte Meinungen und Vorurteile so hartnäckig in unseren Köpfen verankert sind, dass sie sich auch mit belegbaren Gegeninformationen nicht ändern lassen. Dies wird nicht besser in Zeiten der Vorschlagsalgorithmen, die auf unseren bisherigen Präferenzen beruhen oder angesichts persönlich zugeschnittener Social Media Feeds, die nur noch die Inhalte anzeigen, die ich abonniert habe, eben weil sie gut in mein Schema passen.

Der Knackpunkt der ganzen Geschichte ist, dass dieser Confirmation Bias unbewusst abläuft. Ohne dass wir selbst wirklich etwas dazu tun müssen, picken wir die Rosinen unter den Informationen heraus, glauben nur denen, die uns Recht geben und reden alles andere schlecht – wer will schon belehrt werden?! Unser Gehirn trickst uns derart geschickt aus, dass es uns sogar dazu bringt, unsere Vergangenheit so umzudeuten, dass Fehlverhalten oder falsch getroffene Entscheidungen gar nicht mehr als das erscheinen. Der Confirmation Bias sorgt dafür, dass ich mich diesbezüglich gar nicht mehr schlecht fühle und mich darauf konzertiere, was gut gelaufen ist und fleissig nach Informationen suche, die mich in meinem Handeln wieder bestätigen. Und schon die nächste Gelegenheit werde ich dazu nutzen, in die genau gleiche Falle zu tappen. Wohin führt das? Meine Wahrnehmung sagt mir zwar, dass ich völlig richtig liege, doch von aussen betrachtet kann jeder sehen, dass ich auf einem Standpunkt beharre, der mich immer wieder in die Irre führt und der mir immer wieder Schwierigkeiten im Leben bereitet.

Wer die Mantren der Manres kennt, weiss, dass jetzt noch ein Absatz kommt, der besagt, dass wir Menschen im Normalfall nie vollkommen ausgelieferte Wesen sind. Es gibt durchaus Möglichkeiten, dem Confirmation Bias entgegenzutreten. Eine grundlegende Voraussetzung dafür ist der eigene Wille, sich selbst besser kennenzulernen und seine Persönlichkeit zu entwickeln. Denn wenn ich der eigenen Person näherkommen und diese bewusst und gezielt weiterentwickeln will, muss ich meine eigene Vergangenheit und meine Fehler dazu nutzen, aus ihnen zu lernen. Wahrscheinlich ist es schwierig bis unmöglich, unbewusste Verhaltensweisen bewusst und direkt zu beeinflussen. Wir können uns jedoch selbst konditionieren und gewisse Rahmenbedingungen schaffen, die dem Confirmation Bias das Leben erschweren:

Wir können Offenheit für andere Meinungen trainieren. Dies bedeutet, dass wir bei der Kundgebung einer anderen Meinung nicht sofort unser vernichtendes Urteil fällen, sondern dass wir uns selbst dazu konditionieren, das Gehörte so urteillos wie möglich in uns wirken zu lassen. Ganz konkret können wir das tun, indem wir Orte aufsuchen, von denen wir wissen, dass dort unser Weltbild als nicht allgemein gültig herausgefordert wird. Eine tiefe Auseinandersetzung mit anderen Darstellungen ist immer eine Horizonterweiterung.

Wir können uns unserer Subjektivität bewusst werden. Wenn wir uns bewusst werden, dass unsere Wahrnehmung sich für uns zwar richtig anfühlt, unser Gehirn uns jedoch die ganze Zeit etwas vormacht, ist ein schwieriger, aber notwendiger Schritt bereits getan. Eine 100%ige Objektivität gibt es wahrscheinlich nicht. Sobald wir nicht alles, was unserer Meinung widerspricht als unwahr deklarieren, entwickeln wir uns jedoch schon in eine sehr gute Richtung.

Wir können neue Hypothesen trainieren. Sobald wir ein wenig davon abkommen, die ganze Zeit eigene Hypothesen bestätigen zu wollen, öffnet sich für uns eine Welt, in der wir unsere Persönlichkeit auf spielerische Art und Weise weiterentwickeln können. Wenn ich einfach mal per se davon ausgehe, mein Gesprächspartner hat Recht, gebe ich nicht nur mir selbst die Möglichkeit, weiter zu kommen, ich gebe mir auch die Möglichkeit, meinen Gesprächspartner besser zu verstehen und damit zu einem Kompromiss oder – noch besser – zu einer Synthese unserer Standpunkte oder Interessen zu kommen.

Wenn ich nach Erkenntnissen strebe, gelingt mir dies nicht in jenem Bereich, in dem ich mein Wissen für unfehlbar und unerweiterbar halte. Es geschieht eben genau dort, wo mein Nichtwissen zu Hause ist. Um dieses unbekannte Land zu finden und zu erobern, muss ich den Confirmation Bias bis zu einem gewissen Grad überwinden. Sonst drehe ich mich im Hamsterrad. Oder wie Albert Einstein sagte: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Wir wünschen Ihnen eine weisheitsfördernde Woche
Ihr Manres-Team