Emotional Agility

Auf der Suche nach dem Glück

Von Anka Gsell, Consultant /

Gerade zu Beginn eines neuen Jahres beschäftigen wir uns damit, wie wir dieses nächste Jahr gestalten wollen. Welche Ziele und Wünsche haben wir für die nächsten 12 Monate (und darüber hinaus)? Oft steht dabei „Glück“ im Zentrum. Wir wünschen uns selbst und unseren Mitmenschen, glücklich zu sein. Doch was bedeutet Glück und wie können wir dieses persönliche Glück für uns finden?


Diese zentralen Fragen laden zum Nachdenken ein und auch viele Philosophen im Verlaufe der Geschichte stellten sie bereits ins Zentrum ihres Lebens und Wirkens. So war es beispielsweise Platons (ca. 428- ca. 348 v. Chr.) Ziel, den Menschen zu mehr Glück, bzw. Erfüllung (er nannte diese eudaimonía) zu verhelfen und Aristoteles (384-322 v. Chr.) widmete sich der Frage, was Menschen glücklich macht (1). Auch Epikur (341-270 v. Chr.) setzte das Streben nach Glück ins Zentrum seiner Philosophie und beschäftigte sich unermüdlich und tiefgreifend mit allen Facetten des Glücks (2). Er gründete sogar eine Schule zum Erlernen des Glücklichseins (den Garten des Epikur). Zu seiner Zeit galt er als Sonderling, was seine Ansichten zum Glück betraf und auch heute weichen seine Überzeugungen signifikant davon ab, wie wir in unserer westlichen Kultur Glück verstehen und erreichen wollen. Meiner Meinung nach können wir auch – oder sogar gerade – heute viel von seinen revolutionären Erkenntnissen lernen.  Lassen Sie uns dafür einen der entscheidenden Schlüsse, die er aus seinen umfänglichen Analysen zog, gemeinsam betrachten: Der Mensch strebt nach Luxus, um Glück zu erreichen. 


Laut Epikur liegt hinter diesem Streben jedoch viel mehr der Wunsch nach Ruhe, welche der Mensch sich so gewissermaßen zu erkaufen versucht. Der Zustand innerer Ruhe, Zufrieden- und Gelassenheit entsteht ihm zufolge allerdings nicht durch Luxus, sondern durch Nachdenken, indem der Mensch seine Sorgen gründlich gedanklich erfasst, ordnet und durchdringt. Epikur selbst lebte nach dieser Erkenntnis. Er besaß nur zwei Mäntel, ernährte sich fast ausschließlich von Brot und Oliven und dachte mehrmals am Tag über seine Sorgen und Ängste nach. Damit steht seine Philosophie einerseits in starkem Kontrast zur heutigen gesellschaftlichen Tendenz zu übermäßigem Konsum und einem hohen Stellenwert materieller Güter. Andererseits schwingt noch eine weitere Botschaft in Epikurs Ausführungen mit: Der Weg zu einem glücklicheren Leben besteht nicht nur aus positiven Gefühlen. Erst die Beschäftigung und Durchdringung unserer Sorgen führt zum Glück.


Wenn wir uns heute gegenseitig viel Glück wünschen, meinen wir damit vermutlich selten, dass andere sich einmal mit ihren Befürchtungen und Ängsten beschäftigen sollen. Ganz im Gegenteil, wird doch in der heutigen Gesellschaft Glück vornehmlich mit positiven Emotionen verbunden. Die westliche Gesellschaft strebt unermüdliche Positivität an und zelebriert „positive“ Gefühle. Vor allem in der Dienstleistungsbranche ist diese Tatsache deutlich zu spüren: Jegliche natürlichen, normalen Emotionen werden als gut oder schlecht kategorisiert und dementsprechend verstärkt zum Ausdruck gebracht oder verdrängt (Psychologen nennen dies „Emotional Labor“ (3)). Jedoch, im Einklang mit der Philosophie Epikurs, zeigen auch Forschungsergebnisse der Psychologie, dass dieser ausschließliche Fokus auf positive Gefühle bei gleichzeitiger Verdrängung negativer Gefühle weder gesund ist, noch zu größerem Glück führt. 


Das Konzept der emotionalen Agilität („Emotional Agility“) untermalt die Bedeutung aller menschlichen Emotionen (4). Es beschreibt die Fähigkeit zum flexiblen Umgang mit und Einbezug aller Emotionen, um einen behänden Umgang mit verschiedensten Situationen zu ermöglichen. Unterstützt wird dieses Konzept durch viele psychologische Studien unter anderem zur Unterdrückung von Emotionen („Expressive Suppression“), welche sich negativ auf das psychische Wohlbefinden auswirkt (5). „Life’s beauty is inseparable from its fragility.” (6) Mit diesem Zitat fasst Susan David, welche das Konzept der emotionalen Agilität geprägt hat, wunderbar diese Tatsache zusammen: Gutes und Schlechtes, d.h. auch positive und negative Emotionen, sind untrennbar miteinander verbunden; beiden sollte Beachtung geschenkt werden!

Wie können Sie nun also diese Erkenntnisse nutzen, um glücklicher zu werden?

  • Laufen Sie nicht vor Ihren Emotionen davon: Wenn Sie ein starkes, (vermeintlich) negatives Gefühl empfinden, suchen Sie sich nicht den schnellstmöglichen Ausweg. Ignorieren oder verdrängen Sie es nicht, sondern versuchen Sie zu verstehen, was genau Sie fühlen. So lernen Sie, woher die Emotion kommt, was sie ausgelöst hat, was dies über Sie selbst aussagt und wie Sie in Zukunft mit für Sie emotional belastenden Situationen besser umgehen können. 
  • Schreiben Sie ihre Gefühle auf: Epikur empfiehlt, Zeit mit Lesen und Schreiben zu verbringen, um die eigenen Sorgen und Emotionen gezielt und vollends zu durchdringen und daraus etwas über und für sich selbst lernen zu können. Auch Susan David selbst empfand emotionale Erleichterung als sie aufhörte, ihre wahren Gefühle zu ignorieren und begann, diese in einem Buch aufzuschreiben. Allein 20 Minuten täglich seine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, führt erwiesenermaßen zu einem besseren psychischen und physischen (!) Wohlbefinden (7).
  • Reden Sie über Ihre Gefühle: Der Königsweg liegt darin, seine Sorgen und Ängste mit jemandem zu teilen. Das heißt, sich einer Person anzuvertrauen, die Ihnen zuhört, Sie und all Ihre Gefühle ernst nimmt und Ihnen zur Seite steht. Über die eigenen Gefühle zu sprechen und von seinem Umfeld (Familie, Freunde, Kollegen, Coaches) in der Verarbeitung von Erlebnissen unterstützt zu werden, ist essentiell, um glücklich zu sein. Zu diesem Schluss kam übrigens auch der „World Happiness Report“ 2017 (8). 

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein tiefes Durchdringen und konstruktives Verarbeiten Ihrer Sorgen und somit ein wahrhaftig glückliches neues Jahr mit all Ihren Liebsten!
Ihr Manres-Team

(1)    Höffe, O. (Ed.). (2010). Aristoteles: Nikomachische Ethik (Vol. 2). München: Oldenbourg Verlag.
(2)    The School of Life (2018). Kluge Ideen für ein gutes Leben. München: Süddeutsche Zeitung GmbH.
(3)    Brotheridge, C. M., & Grandey, A. A. (2002). Emotional labor and burnout: Comparing two perspectives of “people work”. Journal of vocational behavior, 60(1), 17-39.
(4)    David, S. (2016). Emotional agility: Get unstuck, embrace change, and thrive in work and life. London: Penguin Books Ltd.
(5)    Moore, S. A., Zoellner, L. A., & Mollenholt, N. (2008). Are expressive suppression and cognitive reappraisal associated with stress-related symptoms? Behaviour research and therapy, 46, 993-1000.
(6)    David, S. (2017). The gift and power of emotional courage. Ted-Talk: https://www.ted.com/talks/susan_david_the_gift_and_power_of_emotional_courage
(7)    Pennebaker, J. W. (2012). Opening up: The healing power of expressing emotions. New York: Guilford Press.
(8)    Helliwell, J. F., Huang, H., & Wang, S. (2017). The social foundations of world happiness. World Happiness Report 2017, 8.