Leadership

Existential Leadership - Nur ein neues Wort?

Ein Gastbeitrag von Dorothee Bürgi, PhD /

Im Mai 2018 erschien das Buch „Existential Leadership zum Erfolg“ und mit ihm ein Beitrag zu Transformation und Leadership, der auf philosophischen Grundlagen beruht. 

Wenn sich Unternehmen zu einer Transformation entscheiden, ist jedem Leader klar, es geht um einen Prozess. Und dieser Prozess kostet das Unternehmen Geld, Zeit, Nerven und ist kompliziert. Warum also soll sich ein vernünftiger Leader bei dieser Aufgabe zusätzlich noch mit Philosophie beschäftigen? Die wenigsten Manager werden für das Sinnieren und Reflektieren bezahlt, sondern für ihre Leistungen und Ergebnisse. Hat nicht zudem jeder schon einmal einen Kurs in Philosophie belegt, kennt Aristoteles, die Kardinaltugenden und weiss, dass Mass halten die Devise der Zukunft ist? Warum sollen Transformationsprozesse dann philosophisch analysiert, reflektiert und gestaltet werden? Die Antwort darauf lautet:

1/ Bei einem erfolgreichen Transformationsprozess geht es nicht darum, Firmen transaktional zu sanieren, sondern sie via Transformation „nach vorne“ zu bringen. Und nachhaltig ist das, was dem Wesen, der Essenz des Unternehmens entspricht. Hier führt uns der Weg in philosophische Traditionen.

2/ Leader, die von universalen Grundprinzipien des Lebens, der Welt und des Wissens ausgehen, gestalten Transformationsprozesse intelligenter, substanzieller und nachhaltiger.

Leadership nach existentiellen Prämissen zu gestalten stellt einen Prozess ständigen Existenzvollzugs und ständiger Selbst-Werdung dar. Oder anders ausgedrückt: Menschwerdung und Unternehmenswerdung stehen in einem engen Zusammenhang und bedingen sich gegenseitig. Wie aber soll Existenzvollzug und Selbstwerdung geschehen? Dafür greift Existential Leadership auf die Grund-Dimensionen der Existenz zurück. Ihre Referenzpunkte sind die Horizonte Realität – Werte – Ethik – Sinn. Alle Entwicklungen im Unternehmen stehen in diesen Horizonten. Weil diese Horizonte die Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen beschäftigen, sind auch Leadership-Fragen im Lichte der Existenz überzeitlich und grundlegend für alle Kulturen. Je tiefer ein Leader diese existentiellen Dimensionen in sein Denken, Fühlen und Handeln integriert hat, desto reifer und authentischer wird seine Leadership. 

Realität, Werte, Ethik und Sinn“ sind die Orientierungspunkte der geistigen Landkarte von Existential Leadership, denn jede Herausforderung eines Leaders steht… 

im Horizont des Möglichen und der Frage nach dem Umgang mit den Bedingungen, in denen das Unternehmen steht. Leader bringen ihr Unternehmen weiter, wenn Fähigkeiten und Möglichkeiten aufeinandertreffen. Auf einer pragmatischen Ebene können das Aufeinandertreffen von Fähigkeiten und Möglichkeiten als Freiheit verstanden werden. Betrachten wir diese anthropologische Gegebenheit etwas näher: Fakten sind starr und begrenzend. Tatsachen, die der Mensch nicht annimmt und die abgelehnt bleiben, sind subjektiv ein Problem und kosten Zeit und Nerven. Fakten vermitteln aber auch Sicherheit, denn man weiss zumindest, woran man dran ist und worauf man sich verlassen kann. Auf dieser Grundlage – und das ist das Entscheidende – kann sich der Leader in der Realität bewegen, weil er sich auf sie bezieht. Die Fakten sind wie der Boden, auf dem wir stehen und von dem wir uns nicht lösen können, aber auf dem wir deshalb gehen können. Wer in Widerstand und Kampf gegen die Fakten lebt, indem er den Dingen seine Existenz abzusprechen versucht („das kann doch nicht sein – das gibt es gar nicht“) bezieht sich nicht auf die Realität. Erst im Annehmen dessen, was ist, eröffnen sich für den Leader Möglichkeiten und er kann handeln. Können verknüpft den Leader mit der Realität, und er erlebt seine Wirksamkeit und seine Handlungsfähigkeit. 

im Horizont des Wertes, den die Sache hat. Menschen im Unternehmen entfalten Zugkraft, wenn sie Werte nicht nur verstehen, sondern auch fühlen. Existentiell relevante, das heisst für die Lebensführung bedeutsame Werte, werden subjektiv durch das Gefühl wahrgenommen. Ohne Gefühl sind wir wertblind. Darin zeigt sich aber auch ein im Unternehmen häufig anzutreffendes Dilemma: Die abendländische Tradition betont die Abstraktion und Francis Bacons Erbe „Wissen ist Macht“ hat uns gelehrt, uns vom Gefühl zu lösen. Deshalb ist vieles im Unternehmen von abstrakten Werte und Tugenden durchzogen, bei denen die Menschen nichts fühlen – ausser der Verpflichtung, ihnen nachzukommen oder das schlechte Gewissen bei deren Zuwiderhandlung. Werte aber muss man fühlen und das personale Gefühl in sich tragen, dass sie einem nahe gehen und berühren. Werte liegen an – Werte sind das, was allen in Unternehmen ein An-liegen ist (siehe auch Längle A: Existenzanalyse. Zugänge zur existentiellen Psychotherapie. Wien: Facultas 2016)

im Horizont der moralischen Vertretbarkeit. Nicht Funktionsträger prägen den Erfolg eines Unternehmens, sondern eigenständige Persönlichkeiten, die aus ihrer Identität heraus entscheiden und dafür Verantwortung übernehmen. Der Begriff „Authentizität“ ist hier ein Schlüsselbegriff und gewinnt an Konturen, wenn wir ihn vom Erleben her betrachten. Findet für den Leader eine Übereinstimmung mit den Werten in Innen und im Aussen statt, stellt sich das Gefühl ein, hier treffe ich mich an. Was ich tue, trägt meine Unterschrift. Positive Gefühle sind ein Feedback dazu, ob etwas zum eigenen Sein passt oder nicht. Authentisch sein ist also eine besondere Fähigkeit des Menschen, und wenn man es verliert, entstehen Spannungen, weil man sich verliert. Wer authentisch ist, kann von sich sagen: ich mache niemandem etwas vor und kann dazu stehen. Deshalb kann man auch in einer Rolle authentisch sein. Ein authentischer Leader erfüllt seine Führungsrolle nicht nach Vorschriften und Vorgaben, sondern nach seiner Façon. Authentische Leader folgen keinem Bild; sie wollen auch nicht gefallen oder reibungsarm funktionieren. Sie geben sich so, wie es ihnen entspricht und wie sie es empfinden. 

und im Horizont des Sinns, das heisst des zukunftsträchtigen Handelns. Haben alle im Unternehmen denselben Bezugspunkt, werden aus Arbeitsteams Sinngemeinschaften, denn Sinn ist ein Erfolgsfaktor. Leader, die ihr Tun als sinnvoll erleben, haben die Kraft, Verantwortung für Schwieriges zu tragen und reduzieren ihr Burnout-Risiko. Sie haben in der Krise ein „Wozu“, getragen von der Gewissheit: Wenn mein Handeln wertvoll war, war es auch im Falle des Scheiterns nicht vergebens. In diesem Lichte steht bei Existential Leadership der Begriff „unternehmerische Gesamtverantwortung“ als Ausdruck für eine Verbundenheit zum Unternehmen und den Mut, Herausforderungen, die in einer inneren Überzeugung von Sinnhaftigkeit gründen, committet anzunehmen.

Sie stellen fest, Transformationsprozesse müssen, philosophisch analysiert, reflektiert und gestaltet werden.

Lesen Sie mehr dazu in Johner P, Bürgi D, Längle A: Existential Leadership zum Erfolg – Philosophie und Praxis der Transformation. Bestellung über hub@manres.ch möglich. Oder nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir wissen, wie wir Sie und Ihr Unternehmen in die Zukunft führen: www.manres.ch