Flow

Was Klavierunterricht in der Kindheit mit (Unternehmens-) Führung zu tun hat

Von Maximilian Buyken, Principal /

Vor knapp einem Monat traf sich im Hamburger Office der Manres ein inspirierender Kreis an Führungskräften und Unternehmenslenkern, um sich im Rahmen unseres neu aufgelegten Leadership Circle „Leaders for Leaders“ über das Thema „Flow in der Führung“ auszutauschen (https://bit.ly/2YGSKMd). Für diejenigen, die nicht dabei waren, möchte ich knapp auf dieses faszinierende Konstrukt eingehen, aber auch die Teilnehmenden werden zusätzliche Impulse finden.

Der „Vater des Flow“, Mihaly Csikszentmihalyi, beschreibt diesen Zustand in seinem Buch „Flow: The Psychology of Optimal Experience“ als „situations in which attention can be freely invested to achieve a person’s goals, because there is no disorder to straighten out, no threat for the self to defend against” (1, Kapitel “Order in Consciousness: Flow”). Es ist ein Zustand der vollständigen Konzentration und Involviertheit sowie der frei fließenden Energie. Wir sind eins mit dem was wir tun, eins mit der Situation und der Welt um uns herum. Wenn Sie das einmal selbst erlebt haben, wissen Sie, welche Kraft Flow entfalten kann.

Als Vorbedingungen des Flow nennt Csikszentmihalyi:
1. Herausforderung: Anspruchsvolle, aber gerade noch machbare Aufgaben („psychische Energie“ muss vollständig investiert werden)
2. Die Möglichkeit, uns voll darauf zu konzentrieren, was wiederum befördert wird durch
3. … klare Ziele, die sich aus der Tätigkeit ergeben, sowie…
4. … unmittelbares Feedback, das aus ihr erwächst

Das Erlebnis des Flow an sich ist schon faszinierend genug und kommen noch seine Folgen wie verbesserte Fertigkeiten und ein (im positiven Sinne) „komplexeres Selbst“ hinzu, dann wird schnell klar, dass wir so etwas – besonders in der heutigen Zeit der ständigen Ablenkung – dringend benötigen.

Doch was hat das mit kindlichem Klavierunterricht zu tun? In „Politeia“ schreibt Platon: „Beruht nun nicht eben [...] das Wichtigste in der Erziehung auf der Musik, weil Zeitmaß und Wohlklang vorzüglich in das Innere der Seele eindringen, und sich ihr auf das kräftigste einprägen, indem sie Wohlanständigkeit mit sich führen und also auch wohlanständig machen, wenn einer richtig erzogen wird […]?“ (2, S. 191). Csikszentmihalyi interpretiert dies so, dass Kinder, indem sie lernen, sich auf Rhythmen und Harmonien zu konzentrieren, gleichermaßen üben, ihr Bewusstsein zu ordnen. Wenn wir so über Musik nachdenken, wird schnell klar, dass der Prozess des Spielens und/oder des Hörens das eigentlich Wertvolle ist und nicht das „Ergebnis“ im Sinne einer Bewertung. Es geht nicht unbedingt darum, das Stück fehlerfrei zu spielen; die Bewertung der Performance ist für den Flow zweitrangig oder sogar schädlich: Wenn ich mir permanent Gedanken darüber mache, ob ich es gerade „gut“ mache, kann ich nicht in der Aktivität aufgehen. Viel wichtiger ist stattdessen das Erleben währendder Aktivität: Kann ich darin versinken, mich ganz vergessen? Kann ich mir immer wieder Herausforderungen suchen oder schaffen, die meine ganze Aufmerksamkeit erfordern? Ziehe ich unmittelbares Feedback aus der Aktivität? Der Benefit des Flow geht im Laufe der Zeit nämlich über die individuelle Situation hinaus: Nach und nach lernen wir, unser Bewusstsein so zu strukturieren, dass es wahrscheinlicher wird, Flow auch unter scheinbar unvorteilhaften Bedingungen zu erleben. Und dann geschieht das Faszinierende: Die Wahrscheinlichkeit, die positiven Resultate zu erreichen – die Performance zu erzielen, die zuvor aus unserem Bewusstsein verschwunden war – steigt durch den Flow-Zustand. Die Performance wird zur natürlichen Folge.

So beschreibt Csikszentmihalyi in seinem Buch (basierend auf den Erkenntnissen des Ethnographen Richard Kool) auch die Praxis eines Indianerstamms in der Shuswap-Region (Kanada). Die Mitglieder des Stammes lebten in festen Dorfgemeinschaften und versorgten sich in der Natur mit den Ressourcen, die sie benötigten. Reiche Vorkommen und die Vertrautheit mit der Umgebung sorgten für ein gutes Leben. Doch die Ältesten ließen sich nicht durch das positive Ergebnis täuschen und entschieden alle paar Jahrzehnte, dass das ganze Dorf in einen unbekannten Teil der Shuswap-Region „umziehen“ solle. Sie verstanden, dass in der stetig erneuerten Herausforderung, sich wieder neu auf die Natur einzustellen, das eigentlich belohnende Erleben und damit ein gutes Leben steckte.   

Dies ist also ein Plädoyer dafür, im Geschäftsalltag die Performance zwar natürlich nicht zu vergessen, sie aber nicht als obersten Zweck in das Zentrum aller Anstrengungen zu stellen. Rücken wir den ganz speziellen Prozess des Erlebens und des Strukturierens unserer Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt, haben wir eine Chance auf das, was Csikszentmihalyi „optimal experience“ nennt. Die Fragen für Sie als „Ältester“ oder „Älteste“ Ihres Teams oder Unternehmens lauten also:

  • Setzen Sie (nach innen und nach außen) den Fokus mehr auf das Ergebnis oder mehr auf den Prozess? Was leben Sie vor? Was würden Ihre Mitarbeiter diesbezüglich über Sie sagen?
  • Wie schaffen Sie es, dass die Menschen, die mit Ihnen arbeiten, den Prozess ihrer Arbeit als in sich belohnend empfinden?
  • Wann haben Sie und Ihre Leute zuletzt ein überragendes Ergebnis erzielt? Haben Sie es durch krampfhafte Anstrengung erreicht oder galt Ihre (entspannte, aber energetische) Konzentration dem Prozess?
  • Wie könnten Sie Prozesse so gestalten, dass sie packend und fesselnd sind sowie Herausforderungen bieten?

Wir wünschen Ihnen eine Woche, in der Sie sich wie das Kind, das sein – vielleicht auch schiefes – Klavierspiel einfach nur genießt, auf den Weg begeben. Das Ziel kommt dann von selbst.

Ihr Manres-Team

(1) Csikszentmihalyi, M. (2008). Flow: The Psychology of Optimal Experience (e-book). New York , NY: HarperCollins e-books
(2) Schleiermacher, F. (1828). Platons Werke. Dritten Theiles erster Band. Der Staat. Berlin: G. Reimer.