Ganzheit im Unternehmen

Wenn der Vorhang fällt…

Von Karin Kramer, Principal /

Kennen Ihre Mitarbeiter Ihre Träume? Kennt Ihre Chefin Ihre Ängste? Sind Sie am Arbeitsplatz eine andere Person als zu Hause oder mit Ihren Freunden? Oder trauen Sie sich, am Arbeitsplatz wirklich Sie selbst zu sein?

Ich wage eine kühne Hypothese und behaupte, dass Sie am Arbeitsplatz bis zu 50% Ihres wahren Selbst zugunsten eines sozial erwünschten Bildes verdecken. The Good News: damit sind Sie in guter Gesellschaft. Gemäss einer Online-Umfrage des Karriereportals Monster (1) leben nur 8% aller Menschen in der Schweiz, Deutschland und Österreich ihre Berufung resp. bezeichnen ihren Job als sinnhaft, erfüllend und einen Ort, an dem sie wirklich sie selbst sein können. Depersonalisierung, Burnout, lustlose Mitarbeiter, als sinnlos erlebte Arbeit und dadurch massive Unproduktivität sind die Folgen. Während die Unternehmen auf der transaktionalen Achse nach höheren Umsatzzahlen streben, sind sie mehrheitlich kollektiv ausgebrannt und fühlen sich leblos an. So ringen Unternehmen heutzutage nicht mehr nur um die besten Talente, sondern suchen händeringend nach Möglichkeiten, um diese in der Folge auch halten zu können. Aber warum ist das so?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müssen wir tief in die menschliche Psychologie blicken. Wir Menschen vereinen zwei «Ichs» in uns: Nennen wir es das «Ich» und das «Ego». Oder wie es der ehemalige McKinsey-Berater Frederic Laloux in seinem Buch «Reinventing organizations» (2) nennt: das tiefere Selbst und das Ego. Das Ego ist jener Persönlichkeitsanteil in uns, der sich nach der Erfüllung der Anforderungen richtet, die sich aus dem von uns selbst auferlegten Selbstbild ergeben. Jener Persönlichkeitsanteil also, welcher nach Anerkennung, Erfolg im Sinne der Zielerreichung, gut Aussehen und Rechtbehalten in Verhandlungen strebt. Sobald wir uns mit unserem Denken identifizieren, sitzt unser Ego am Steuerrad. Dem (gewissermassen) gegenüber steht das Ich, das reine Wesen, das tiefere Selbst. Es umfasst unsere Werte, unsere Mission, unsere Sehnsüchte und Hoffnungen. Dieses tiefere Selbst kennt keine Eifersucht, keinen Neid, Stolz oder Habgier. 

In vielen Organisationen lernen wir, dass unser Ego akzeptiert ist. Wir gehen jeden Tag zur Arbeit und während wir mit unserem TUN unser Ego nähren, nach Anerkennung streben, uns mit anderen und deren Besitz vergleichen, klammern wir dabei den anderen Teil in uns, unser tieferes Selbst, unser SEIN aus und streifen unsere emotionalen und intuitiven Anteile mit Überstülpung des Arbeits-Ichs ab. Dabei ist es eigentlich ein volkswirtschaftlicher Wahnsinn, dass ich als Arbeitgeber nur einen kleinen Prozentsatz des vollen Potenzials meines Mitarbeitenden bekomme und nutze. Denn, so dachte zumindest Pierre Teilhard de Chardin, ein französischer Jesuit, Paläontologe, Anthropologe und Philosoph, «wir sind keine Menschen, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern wir sind spirituelle Wesen, die erfahren, Mensch zu sein». Damit Menschen ihr ganzheitliches, gestalterisches, verantwortungsbewusstes und schlussendlich auch produktives Potenzial ausschöpfen können, brauchen sie einen Ort als Arbeitsplatz, der diese Ganzheit nicht nur erlaubt, sondern auch fördert. Erst in der Ganzheit erleben wir Menschen uns als Gestaltende. Und erst in der Ganzheit kann so etwas wie Flow von innen heraus entstehen. Wenn Sie noch zweifeln oder sich das für Sie zu «esoterisch» anhört, schauen Sie sich die innovativsten Köpfe, die inspirierendsten Gründer, die visionärsten CEOs an: Hat irgendjemand von Ihnen die Welt verändert, indem er oder sie sich «versteckt» hat?

Warum geschieht das dennoch an vielen Orten? Der Hauptgrund dafür ist eine machtvolle, meist unbewusste Überschneidung von Ängsten. Die Organisationen einerseits fürchten, dass je mehr die Menschen mit ihrem ganzen Selbst – ihren Stimmungen, ihren Meinungen, Eigenarten bis hin zu individueller Kleidung – zur Arbeit erscheinen, desto mehr Chaos und Kontrollverlust folgen könnten. Studien aus dem Militär bezüglich Uniformpflicht (3) zeigen, dass je mehr Menschen glauben, sie seien austauschbar, desto leichter sind sie zu kontrollieren. Die Mitarbeitenden andererseits fürchten, dass je mehr sie sich zeigen, desto mehr sind sie durch persönliche Kritik verletzbar und desto mehr kann ihr Sein gegen sie verwendet werden. So entscheiden sich viele Menschen, sich hinter einer professionellen, stets leistungsorientierten Maske zu verbergen und den anderen Teil von ihnen zurückzulassen, sobald sie das Büro betreten. 

Wir lernen rasch, dass unsere kämpferischen Anteile in uns breite Akzeptanz erfahren. Wir werden dafür gelobt und werden anerkannt, sobald wir einen entschlossenen, tatkräftigen und leistungswilligen Eindruck erwecken. Wenn wir jedoch Schwächen, Sehnsüchte und Hoffnungen offen benennen, fühlen wir uns rasch hilf- und wehrlos. Fürsorge, Entschleunigung und Empathie bringen uns auf dem Weg der Karriereleiter in solchen Umgebungen keine systematischen Vorteile. So klammern wir unsere Verletzlichkeiten und Ängste aus und erscheinen in unserer Maske am Arbeitsplatz, hinter der wir uns täglich verstecken können. 

Sich am Arbeitsplatz authentisch zu zeigen braucht Mut! Wenn wir unser volles Potenzial ausschöpfen wollen, kommen wir nicht darum herum. Denn genau dort liegt der menschliche Schatz begraben. Wir haben Visionen, Träume und den innigsten Wunsch, unseren Beitrag zu etwas Grösserem zu leisten, um unsere persönlichen Spuren zu hinterlassen. Seien Sie mutig, liebe Leserinnen und Leser. Das echte Leben beginnt erst, wenn der Vorhang gefallen ist!

Wir wünschen Ihnen eine gute Zeit und befreiende Energien, um sämtliche Facetten Ihres kostbaren Selbst jederzeit ausleben zu können.

Herzlichst

Ihr Manres-Team

 

Quellen:

1 Monster (2018). Recruiting Trends. Abgerufen am 22.10.2018 von arbeitgeber.monster.de/recruiting/studien.aspx

2 Laloux, F. (2014). Reinventing organizations: A guide to creating organizations inspired by the next stage in human consciousness. Brüssel: Nelson Parker.

3 Joseph, N. & Nicholas, A. (1972). The uniform: A social perspective. American Journal of Sociology, 77(4), 719-730.