Stimme und Wirkung

How low can you go?

Von Michèle Fichtner, Consultant /

Kurz nachdem Margaret Thatcher zur Premierministerin des Vereinigten Königreiches gewählt wurde und sich vor Terminen nicht mehr retten konnte, nahm die eiserne Lady sich dennoch die Zeit, Stimmunterricht zu nehmen. Thatcher hatte die Kraft einer wirkungsvollen Stimme erkannt. Sie wusste, dass sie ihrem Ziel, mit ihrer politischen Meinung Gehör zu finden, über eine tiefere Sprechstimme näherkommen würde. Über regelmäßiges Training konnte sie ihre Sprechlage erheblich senken und wurde somit im beruflichen Kontext ernster genommen. Dass dies nicht nur eine Schnapsidee (oder besser Whisky-Idee) einer Regierungschefin und ihres Stabs war, zeigt auch die Forschung: Menschen mit tiefen Stimmen sind beruflich erfolgreicher. Eine Studie der Duke University, in der Reden von CEOs von fast 800 Unternehmen analysiert wurden, zeigte, dass CEOs mit tieferen Stimmen größere Firmen leiten und mehr Geld verdienen. Eine Abnahme der Stimmhöhe um 25% (22.1 Hz), ist mit einem Gehaltsvorsprung von circa $187.000 verbunden. Zudem genießen CEOs mit tiefen Stimmen längere Amtszeiten (1). Aber woran liegt dies? Korreliert eine tiefe Stimme mit Führungskompetenz oder betriebswirtschaftlicher Finesse?

Vielleicht lässt sich unsere Präferenz für tiefere Stimmen auch durch evolutionäre Argumente stützen: In der frühen menschlichen Geschichte war es vermutlich überlebenswichtig, den Anführer zu identifizieren, um sich ihm anzuschließen. Viele Führungsaufgaben, wie die Verteidigung der Gemeinschaft gegen das Raubtier, waren physischer Natur. Eventuell haben sich die Menschen deshalb dahingehend entwickelt, Männlichkeitsmerkmale, wie eine tiefe Stimme, als positives Signal wahrzunehmen. Genau wie prominente Muskeln, vermittelt eine tiefe Stimme Maskulinität. Der Subtext einer tiefen Stimme flüstert unserem Stammhirn: Ich bin stark und kann dich beschützen. So simpel sich dieser Spruch anhört, so einfach löst er in uns das Bild eines Beschützers und, evolutionsbedingt, eines präferierten Anführers aus. Einer Führungskraft, der Menschen deshalb gerne folgen wollen und ihr Vertrauen schenken, wird es sicher leichter fallen, Teams und ganze Unternehmen so zu lenken, dass Vision und Strategie umgesetzt und Unternehmensziele erreicht werden können. 

Was machen Sie nun mit dieser Information? Wie können Sie im nächsten Meeting überzeugender wirken, wenn Sie andere von Ihren Ideen überzeugen möchten? Die Stimme à la Thatcher in die Tiefe zu zwingen, macht meiner Meinung nach keinen Sinn und wird von unserem Gegenüber höchstwahrscheinlich weder als überzeugend noch als authentisch wahrgenommen. Um stimmlich zu überzeugen, sollte die Stimme der Physiognomie und Persönlichkeit jedes Einzelnen entsprechen und diese auch transportieren. Daher stehen zu hohe oder zu tiefe Stimmen einem wirkungsvollen Auftreten im Weg. Am gesündesten und authentischsten ist es für Ihre Stimme, wenn Sie sich sprachlich in Ihrer sogenannten Indifferenzlage bewegen. Das ist die Tonlage, die Ihrer Physiognomie entspricht; idealerweise bewegen Sie sich bis zu einer Quinte um diese Tonlage herum. Falls Sie sich jetzt fragen, wie Sie Ihre Indifferenzlage finden; probieren Sie Folgendes aus:

Stellen Sie sich vor, Sie telefonieren und Ihr Gesprächspartner hört nicht auf zu reden. Sie bestätigen das Gesagte (mit gelangweiltem Unterton) „mh mh mh“. Wiederholen Sie erstens unaufgeregt und entspannt das „mh“. Bleiben Sie im zweiten Schritt auf der Tonhöhe des „mh“ stehen und summen Sie drittens ein „mh“ auf dieser Tonhöhe. Sprechen Sie jetzt aus genau diesem Summen heraus einen Satz. Das ist Ihre individuelle Indifferenzlage und Ihre optimale Sprechlage und wahrscheinlich ist sie tiefer als gedacht!

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine stimmige Woche
Ihr Manres-Team

(1) Mayew, W. J., Parsons, C. A., & Venkatachalam, M. (2013). Voice pitch and the labor market success of male chief executive officers. Evolution and Human Behavior, 34(4), 243-248.