Trust needs touch

Ein Plädoyer für das „analoge“ Treffen

Von Clemens Immel, Senior Consultant /

Slack, Skype, Zoom, Dropbox, Google Drive, Trello, JIRA, iDoneThis, Chimp or Champ, Doodle, Lynx und noch viele andere Online-Tools helfen uns tagtäglich im Beruf.  Durch diese neuen Errun-genschaften bieten sich uns ganz neue Möglichkeiten: wir können Daten, Analysen oder Projekt-verläufe mit verschiedenen Personen teilen, gemeinsam daran arbeiten, sie weiterentwickeln, Videokonferenzen führen oder einfach eine Statusabfrage machen – und das alles, ohne, dass wir im selben Gebäude, geschweige denn der selben Zeitzone sitzen. Diese Freiheit erlaubt es uns, über verschiedene Standorte, Länder und zwischen Unternehmen miteinander effektiv zusam-menzuarbeiten, unabhängig davon, ob wir gemeinsam in einem Konferenzraum (vor einer riesigen Videokamera) bei Thermoskannenkaffee und Keksen sitzen, in Zürich im Home-Office sind oder von Bali aus, mit den Füßen im Sand, arbeiten… vorausgesetzt, das WLAN hält. Wir haben damit das Problem der erfolgreichen Zusammenarbeit in einer globalisierten Welt gelöst – zumindest in Teilen!

Der Mensch besitzt die faszinierende Fähigkeit, Probleme nicht nur zu identifizieren, sondern auch kreativ anzugehen und Lösungen zu finden. Der Nachteil dieser wunderbaren Fähigkeit liegt darin, dass die neuen Lösungen oftmals neue Probleme mit sich bringen. Nehmen wir als Beispiel die Evolution der elektronisch übermittelten, schriftlichen Kommunikation: Telegramm, Fax und E-Mail. Mit jeder Verbesserung wurden wir schneller in der Übermittlung von Information, sowohl beim Schreiben der Nachricht als auch beim Versenden. Diese Entwicklung erlaubt es uns, schrift-lich quasi in Echtzeit zu kommunizieren. Das Problem von langsamer Geschwindigkeit des Infor-mationsaustausches wurde gelöst. Wir haben es sogar so „gut“ gelöst, dass wir zum Teil auf eine E-Mail ausweichen, auch wenn wir einfach den Flur hinunterlaufen und unseren Kopf in ein anderes Büro stecken könnten. Die Möglichkeiten, die wir durch Vernetzungsprogramme (s.o.) gewonnen haben, nutzen wir dadurch natürlich auch. Wir haben beispielsweise die Möglichkeit, unseren Kin-der beim Aufwachsen zuzusehen und gleichzeitig Karriere zu machen. 

Welches neue Problem ist denn nun dazugekommen? Wir begegnen uns vermehrt digital und nicht mehr von Angesicht von Angesicht. Dies ist im wahrsten Sinne nicht menschlich; wir sind nicht da-rauf ausgelegt. Menschen sind Herdentiere, die sich „beschnuppern“, die den persönlichen Aus-tausch genießen und auch brauchen. Sie alle kennen es, wenn wir einander nur von E-Mails oder Videokonferenzen kennen. Und vielleicht kennen Sie auch das Gefühl, das entsteht, wenn Sie Ih-ren Kollegen in Rom das erste Mal treffen und gemeinsam einen Espresso trinken. Es entsteht das erste Mal ein komplettes Bild von Ihrem Gegenüber und es fällt Ihnen leichter, bei der nächsten digitalen Kommunikation aufeinander einzugehen, sich zu vertrauen und schlussendlich noch bes-ser zusammenzuarbeiten. 

Trust needs touch. Um uns als Menschen wirklich gegenseitig vertrauen zu können, müssen wir zumindest mal die Hände geschüttelt und uns „beschnuppert“ haben.  Das Paradoxe: viele Unter-nehmen im Silicon Valley, die an Programmen und Applikation arbeiten, die unsere digitale Zu-sammenarbeit verbessern (aber damit auch die echte „Face Time“ – pun intended – reduzieren), starteten als kleine Start-Ups in einem Raum, an einem Tisch, Ellenbogen an Ellenbogen. Die aus der Not geborene Nähe hat Vertrauen gestiftet und gute Zusammenarbeit ermöglicht. Selbst Un-ternehmen, die ohne ein festes Büro und vorrangig über eine Home-Office-Struktur agieren, rich-ten gemeinsame Outings und Treffen neben den digitalen Meetings ein. Es geht also nicht darum, nur das eine zu tun und das andere sein zu lassen, sondern um den richtigen Mix und das richtige Timing der jeweiligen Kommunikationsmethode.

Seien Sie ehrlich, wie ausgewogen ist Ihr Mix aus persönlichen Treffen und Online-Tools? Besu-chen Sie mehrmals im Jahr Kollegen oder Kunden, die ein paar Autostunden entfernt sind? Schrei-ben Sie der Kollegin drei Büros weiter eher eine E-Mail als kurz vorbeizugehen und die Thematik zu besprechen? Wie sieht es mit Ihren privaten Kontakten aus? 

Wir wünschen Ihnen eine gute Woche und wünsche Ihnen viele spannenden Begegnungen mit Personen, die Sie oft nur digital treffen.

Ihr Manres-Team