Weisheit

Staunen - der Anfang der Philosophie

Von Tobias Huber, Consultant /

Was nehmen wir alles als selbstverständlich? Wieviel Neugier steckt noch in uns? Was genau ist Weisheit und wie erlange ich sie?

Die Philosophie – die Liebe zur Weisheit, die Erforschung des Sinns des Lebens und die Lehre vom guten Leben. Es gibt nicht vieles, das so viel verspricht, so viel Hoffnung und Erwartungen schürt, wie dieses Stichwort „Philosophie“. Dabei geht es gar nicht um die technische und semantische Seite der Philosophie. Wir alle sehen uns grossen Herausforderungen gegenübergestellt in unserem Leben. Wir alle streben nach einem sinnvollen und glücklichen Leben, suchen nach einer Richtschnur für unser Handeln und sehnen uns manchmal nach einer Erlösung aus dem Wirrwarr des Alltags. Kurz gesagt: Wir wünschen uns Lebenshilfe. Und was bitteschön sollte uns dabei mehr Hoffnung verleihen als die Lehre, die den Sinn des Lebens erforscht?

Wenn wir uns dann aber auf die Reise machen und eigenständig versuchen, die Philosophie - in welcher Form auch immer - als Lehre zu verstehen, dann werden wir schnell enttäuscht. Die Begegnung mit der Philosophie ist eine Begegnung mit kaum lesbaren Büchern, manchmal uns bizarr erscheinenden Gedankengängen und sorgt nicht selten schlussendlich für mehr Verwirrung und Desorientierung als zuvor. Es scheint, als sei es seit jeher das Ziel der Philosophie, das Leben besser zu verstehen, nicht aber, es einfacher zu verstehen. Dieser Artikel soll ein Versuch sein, sich dem Thema Philosophie und dem Thema Weisheit so anzunähern, dass jeder Mensch, der das möchte, etwas für sein Leben mitnehmen kann.

Platon sagte: „Das Staunen ist ein Zustand, der vor allem dem Freund der Weisheit zukommt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen“. Und auch dessen Schüler Aristoteles sah in der Verwunderung den Beginn des Philosophierens. Goethe sagte etwas mehr als 2000 Jahre später: „Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen“. Wenn wir diesen drei markanten Persönlichkeiten etwas Vertrauen schenken, kommen wir zum eindeutigen Schluss, dass das Phänomen des Staunens offenbar sehr viel mit Philosophie und Weisheit zu tun hat. Und das sind eindeutig gute Neuigkeiten, schliesslich ist das Staunen ein Alltagsbegriff wie auch sympathischerweise eine Aktivität, den jedes Kind kennt. Wie ist es also möglich, dass ein derart simpler Begriff der einzige Anfang einer derart komplizierten Sache wie der Philosophie ist? Ist die Philosophie eben doch nicht so kompliziert, wie wir meinen? Oder ist der Begriff des Staunens doch nicht so simpel, wie es scheint? 

Um diese Frage zu beantworten, bedarf es erst einmal einer Definition des Begriffes Staunen: Staunen heisst, ich würdige die Bedeutung von etwas, das zunächst als selbstverständlich erscheint. Bei genauerem Betrachten, Würdigen und Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten zeigen sich neue, bisher unberücksichtigte und manchmal erstaunliche Wahrheiten. Dieses Staunen erzeugt eine innere Bewegung, die anhand der dadurch entstandenen Neugier bestrebt ist, die neue Wahrheit zu verstehen. Nun ist auch klar, warum der Satz „schliesslich ist das Staunen ein Alltagsbegriff, den jedes Kind kennt“ treffender nicht sein könnte. Genauso lernen Kinder. Sie wollen alles verstehen, was um sie herum geschieht. Da sie aber noch mit einer kurzen Lebenserfahrung ausgestattet sind, und sie noch nicht das Gefühl haben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, ist vieles, was ihnen begegnet, er- und bestaunenswert.

Wie aber sieht es mit der Neugier bei uns ach so pflichtbewussten und erwachsenen Menschen aus? Wann habe ich das letzte Mal demütig über etwas gestaunt? Wie oft in meinem Leben nehme ich etwas für selbstverständlich hin und vergesse dabei, dieser Sache eine besondere Bedeutung zuzumessen? Das Leben in der heutigen Zeit ist von einer enormen Geschwindigkeit an Informationsverarbeitung geprägt. In einer Wochenausgabe der NY Times sind mehr Informationen enthalten als jemand im 18. Jahrhundert in seinem ganzen Leben zur Verfügung hatte. Und wir sehnen uns nach Orientierung, Leitplanken, Einfachheit und Weisheit. Dabei befindet sich die Chance auf Weisheit stets in unmittelbarer Nähe: Die Schönheit eines Baumes, die Hilfsbereitschaft der Menschen, wenn eine Mutter mit einem Kinderwagen in ein Tram steigen möchte, die Tatsache, dass mein Herz etwa 3 Milliarden Mal schlägt in meinem Leben, ohne, dass ich es steuern kann, oder der unermüdliche Fleiss einer Biene im Sommer. Jederzeit gibt es unendliche Dinge, über die wir unmittelbar staunen können. Wir müssen dafür bloss unseren Fokus etwas umprogrammieren. Und wir haben dafür die besten Vorbilder. Wie der kleine Prinz sagt: „Alle grossen Leute waren einmal Kinder, aber nur wenige erinnern sich daran“. Vielleicht ergeben sich durch die Erinnerung daran nicht nur ein ganz neues Lebensgefühl, sondern auch ungeahnte Möglichkeiten im Geschäftsleben… Lassen Sie uns wieder ein bisschen Kinder sein und mit ganzem Herzen staunen. Ein Blick aus dem Fenster genügt!

Viel Freude beim Erkundschaften und Ihnen eine erfüllende Woche,

Ihr Manres Team